Freitag, 22. April 2016
Der Bestrafer
Manche Patienten glauben Sie können einen Arzt unter Druck setzen, indem sie drohen, in Zukunft "woanders" hinzugehen, wenn man ihnen nicht dieses oder jenes Wunschpräparat verordnet oder die AU-Bescheinigung nicht so, wie gefordert ausstellt. Diesen Patienten pflege ich anzubieten, sie persönlich zum nächsten Hausarzt zu fahren, damit sie dort ihr Glück versuchen können.

Nun gibt es auch Patienten, die einen Arzt gleich vor vollendete Tatsachen stellen und glauben, ihn somit zu "bestrafen". Herr G. ist ein solcher Patient. Jahrelang in meiner Behandlung, fiel er regelmäßig dadurch auf, dass er die notwendige Medikation nicht oder nur unregelmäßig einnahm, weil er die Einnahme einfach vergaß oder die Nebenwirkungen fürchtete. Die schädliche Wirkung des von ihm täglich in größeren Mengen konsumierten Alkohols und der ein bis zwei Schachteln Zigaretten waren ihm dagegen egal. Auch sonst zählt er nicht gerade zu den angenehmen Zeitgenossen.

Ebenso wenig, wie er sich um seine Gesundheit scherte, interessierte er sich für die Sprechzeiten oder eine Terminvereinbarung. Wenn es sein musste, kam er auch fünf Minuten vor Ende der Sprechstunde, meist mit nicht so akuten Problemen. Naja, als Arzt tut man, was man kann ...

Anfang letzter Woche erschien er, wie üblich unangemeldet und ohne Termin in der Morgensprechstunde. Freie Kapazitäten gab es nicht mehr, er wurde von meiner Helferin darauf hingewiesen, dass er entweder für den Nachmittag einen Termin haben könne oder sich auf eine längere Wartezeit einstellen müsse. Herr G. entschied sich für letzteres.
Da - abgesehen von akuten Notfällen - Patienten mit Termin bei mir grundsätzlich Vorrang haben, kam es dazu, dass einige solcher Patienten nach Herrn G. kamen um vor ihm aufgerufen zu werden. Jedesmal, wenn sich Herr G. dadurch übergangen fühlte, kam er aus dem Wartezimmer geschossen, um deutlich darauf aufmerksam zu machen, dass er ja wohl vorher da gewesen sei. Jedesmal wurde er von meiner Helferin darauf hingewiesen, dass er ohne Termin gekommen sei und daher warten müsse, bis der Doktor ihn irgendwo dazwischenschieben kann.

Es kam natürlich, wie es kommen musste. Nach einer dreiviertel Stunde platzte Herrn G. endgültig der Kragen, und er verlies laut schimpfend die Praxis. Ich konnte durch die geschlossene Tür meines Sprechzimmers noch die Wortfetzten "Scheißladen" und "nie wieder" vernehmen.

Nun, Herr G. glaubt, mich damit sanktioniert zu haben. Hat er eigentlich auch, denn ich und mein Team sind heilfroh, diesen Menschen los zu sein. Sicherheitshalber habe ich in seine Akte noch einen Sperrvermerk geschrieben, nur für den Fall, dass er bei den geschätzten Kolleginen und Kollegen die gleiche "schlechte Erfahrung" macht und zu mir zurückkehren will. Denn wer meine Praxis lautstark als "Scheißladen" tituliert, hat bei mir ver.......!

... link